Municipals und Monoliner: wir nähern uns dem Höhepunkt!

Februar 16, 2008

Nachdem mehr als tausend Auktionen für Municipals (Kommunalobligationen) fehlgeschlagen sind und daher die entsprechenden Kommunen heftige Strafzinsen zahlen müssen (in einigen Fällen bis zu 20%), hat nun auch New York Governor Eliot Spitzer die Nase voll: wenn die Monoliner bis Dienstag nicht mehr Eigenkapital eingesammelt haben, werde es zu einer möglichen Zwangszerschlagung durch die New Yorker Versicherungsregulierung kommen.

Spitzer möchte damit einer wahrscheinlichen Abstufung der Ratingagentur Moody´s zuvorkommen. Diese hatte vor einigen Tagen mitgeteilt, dass Moody´s bis Ende Februar ihre neue Einschätzung gegenüber den Bond Versicherern veröffentlichen will. Da sich die Situation an den Fixed-Income-Märkten und vor allem an der Immobilienfront nicht verbessert hat (sondern sogar verschlechtert), ist ein Downgrade sehr wahrscheinlich. Dieser Downgrade hätte zur Folge, dass alle von den Monolinern versicherten Produkte ebenfalls nicht mehr AAA geratet werden würden. Da der versicherte Bond-Markt riesig ist ($2.5 Billionen – Fitch Juli 2007), sind die Auswirkungen gewaltig: die Finanzierungskosten für Municipals (Marktvolumen rund $1.2 Billionen) steigen deutlich an. Dementsprechend muss dann an anderer Stelle gespart werden (z. B. Kündigungen, keine Gehaltserhöhung,..). Zudem führt dies zu weiteren gigantischen Abschreibungen. Dies liegt daran, dass Investoren von den meisten strukturierten Produkten wie beispielsweise CDOs mark-to-market Verluste nicht sofort in ihre Bücher nehmen müssen, wenn sie vorhaben das Produkt bis zur Fälligkeit zu halten und es zur keiner Ratingabstufung kam. Durch eine Ratingabstufung müssten die Investoren dann sofort ihre Verluste abschreiben. Dies wird für einige Banken und Versicherer noch sehr teuer werden. Zu guter Letzt ist noch der Vertrauensverlust zu nennen: dies wird dazu führen, dass die Spreads noch weiter rauslaufen werden (obwohl wir uns in einigen Bereichen schon auf sehr hohem Niveau bewegen – siehe zum Beispiel iTraxx und CDX).

Da ich es für unwahrscheinlich halte, dass sich mehrere Banken zusammentun und den Monolinern das Geld schenken werden, wird es wohl zu einer Aufspaltung der Firmen kommen. Eine Firma wird dann ausschließlich Municipals versichern (also das klassische Geschäftsfeld der Monoliner) und die andere Firma wird auf allen übrigen Positionen (CDOs, CDOs squared,..) sitzen bleiben. In diesem Fall würde letztere Firma natürlich Pleite gehen, aber zumindestens wäre das Municipal Bond Problem gelöst. Dies scheint daher die langfristig beste und wahrscheinlichste Lösung zu sein. In ein paar Tagen wissen wir mehr!


Weltwirtschaftskrise 2008

Januar 19, 2008

Anfang Dezember hatte ich bereits in meinem Blog detailliert beschrieben, wie es zur aktuellen Krise gekommen ist und warum wir eine Rezession in den USA sehen werden. Knapp 1,5 Monate später spricht auch die Mehrzahl der Ökonomen davon, dass wir nah dran sind an einer US-Rezession. Man könnte also meinen, dass ich Recht behalten habe. Ich gebe jedoch zu bedenken, dass auch eine kaputte Uhr zwei Mal an einem Tag richtige Werte anzeigt. Davon abgesehen habe ich mich in zwei Punkten absolut getäuscht: der US-EURO-Wechselkurs und die Commodity-Preise werden positiven und nicht negativen Einfluss auf die aktuelle Krise haben. Dies mag paradox klingen, liegt aber darin begründet, dass ich bis vor wenigen Tagen das globale Ausmaß der Krise total unterschätzt habe (die US-Wahlen spielen dabei sicherlich auch eine Rolle). Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich selten zu rabenschwarzen Pessimismus neige. Im folgenden werde ich daher die wichtigsten Aspekte nennen, die mich zu meiner Einschätzung geführt haben. Ich beschränke mich hierbei auf die Aspekte, die bisher in den Medien selten oder gar nicht genannt worden sind.

1. Konsum: dies ist bei der aktuellen Rezession sicherlich der wichtigste Punkt. Im Gegensatz zur 2001 Rezession, in der das Konsumentenausgabenwachstum nie unter 1% war (gestützt durch den 1999 angefangenen Immobilienboom), werden wir dieses Mal massive Auswirkungen auf den privaten Verbauch sehen. Dies konnte man bereits deutlich an den Quartalszahlen von Citi und JPM ablesen. Die meisten Anleger haben nur auf die Abschreibungen im Subprime-Bereich geschaut. Diese waren zwar riesig, aber zu erwarten. Das eigentlich dramatische an den Zahlen war das Konsumer-Kredit, Autokredit und normale Kreditkartengeschäft. Hier sind die Ausfallraten geradezu explodiert! Das heißt im Klartext, die Immobilienkrise hat bereits beim privaten Verbraucher massive Spuren hinterlassen. Der Fokus wird wieder mehr auf der hohen Verschuldung der privaten Verbraucher sein. Kritiker werden auf die überraschend „starken“ Michigan-Zahlen von gestern verweisen, aber im Dezember lief der Aktienmarkt auch noch gut. Nach den jüngsten Einbrüchen im Dow Jones und S&P 500 werden die Michigan-Zahlen bald auch wieder ganz übel ausfallen.

2. Arbeitsmarkt: tendenziell immer ein Spätindikator, aber mittlerweile zeigt auch dieser Spuren der Immobilienkrise. Den Sprung von 4,7% auf 5% bei den Arbeitslosenzahlen würde ich aber nicht überbewerten, da klimabedingt mehr Jobs als üblich ausfielen. Dennoch hat Paul Donovan (Managing Director UBS Global Economics) sicherlich Recht: wir befinden uns in Phase 4 (Feuern von Vollzeitangestellten). Die Phasen 1 (illegale Arbeiter feuern), 2 (Feuern von Teilzeitarbeitern) und 3 (prinzipieller Einstellungsstop) sind bereits durchlaufen.

3. Weltweite Immobilien-Bubble: der Immobilienboom war weltweit auch in einigen anderen Ländern zu sehen: zum Beispiel Spanien, Irland und England. Auch hier werden die Preisabstürze massive Auswirkungen auf das Verbrauchervertrauen haben. Des weiteren ist dort, genau wie in den USA, keine Entspannung in Sicht, da zum einen die Finanzierungskosten gestiegen sind und zum anderen sich die Immobilienkredit-Ablehungsquote auf historisch hohem Niveau befindet. Das bedeutet, dass eine Person, falls diese überhaupt einen Immobilienkredit derzeit bekommt, sehr hohe Raten zahlen muss. Dementsprechend ist auf der Häusernachfrageseite keine Entspannung zu erwarten.

4. Refinanzierung für Unternehmen wird aufgrund der höheren Corporate-Spreads deutlich teurer. Dies gilt ebenfalls für viele nicht börsennotierte Unternehmen, die sich in der Regel auf Floater-Basis verschulden.

5. Global Recoupling und nicht global decoupling, genau wie von NYU Professor Nouriel Roubini prognostiziert, tritt ein. Die Welt hängt vielleicht weniger ab von den USA als vor 10 Jahren, aber immer noch mehr als genug. Davon abgesehen, erleben wir in den USA nicht eine leichte Rezession, sondern eine wirklich schwere. Von decoupling kann also beim besten Willen keine Rede sein.

6. Abkühlung der Emerging Markets: bereits seit 1-2 Monat spüren asiatische Unternehmen die aktuelle Krise in Ihren Auftragseingängen. Überdies vergessen die meisten Investoren gerne, dass vor allem in China das Wachstum durch ausländische Direktinvestitionen (und nicht durch inländischen Konsum) getragen worden ist. Kriselt es richtig im Westen, werden die Gelder auch sehr schnell wieder abgezogen. In diesem Fall geht es zumindestens kurzfristig steil bergab.

7. Olympia 2008: die olympischen Spiele beurteile ich negativ für das Wachstum in China. Zum einen wird wahrscheinlich die chinesische Schwerindustrie in den beteiligten Städten für 2 Monate de facto stillgelegt werden müssen, da die Luftverschmutzung den Sportlern sonst defintv nicht zu zumuten ist. Überdies werden die chinesischen Probleme (Diktatur, Hardcore-Kapitalismus, riesige Armut, massive Umweltprobleme, etc.) mehr im Fokus der globalen Öffentlichkeit sein. Es ist immer was anderes, etwas wirklich selbst zu sehen als nur in der Presse zu lesen. Außerdem birgt Olympia für China sowohl das Taiwan als auch das Tibet Risiko. Beide Gruppierungen werden im Vorfeld und während der Spiele versuchen, Fortschritte zu erzielen, was zu deutlichen politischen Spannungen im Anschluss führen wird.

8. Monoliners sind Versicherer für Fixed Income Produkte – in erster Linie für Corporate Bonds. In letzter Zeit haben sie jedoch auch viele ABS und CDO Strukturen versichert (sogenannte credit enhancements). Das Problem bei den Monoliners ist, dass ihre Eigenkapitalbasis hierfür viel zu gering ist. Daher liefen Aktien von Monoliners neben Immobilienfinanzierern am schlechtesten seit einem Jahr (viele verloren weit über 90% ihres Marktwertes). Normalerweise müssten die Rating-Agenturen eigentlich so gut wie jeden Monoliner downgraden (dies würde de facto Konkurs bedeuten). Ich kann es schwer einschätzen, ob die Rating-Agenturen diesen Schritt wirklich machen werden. Aber falls dem so ist, dann wird die Reaktion nichts sein im Vergleich zu dem „Erdbeben“ bei der GM und Ford Abstufung. Das wäre wahrlich eine WMD, die im Finanzbereich hochgeht.

9. Leverage ist ein äußerst bedeutender Faktor in der heutigen Finanzwelt. Bei dem Zusammenbruch von LTCM war der Leverage sogar so hoch, dass sich die Fed und die Wallstreetbanken gezwungen sahen, Milliarden Stützungskäufe zu tätigen. Und Leverage ist seit 1998 noch viel wichtiger geworden: nahezu alle Banken haben ihre Verschuldungsquote hochgefahren (das bedeutet bei denen nichts anderes als Leverage), um die P&L zu schönen. Dies macht Banken viel anfälliger als sie derzeit vom Markt wahrgenommen werden. Daneben wurden bei immer mehr SIVs immer höhere Leveragequoten gefahren. Außerdem wird immer noch viel Geld durch CPPI und (seit zwei Jahren auch) durch CPDO Strukturen angelegt. Hier werden bei einigen Strukturen sicherlich noch mehr Notverkäufe stattfinden, was die Preise von strukturierten Produkten sogar noch mehr in den Keller treibt.

10. Riesige Anzahl von bevorstehenden Downgrades: durch die US-Rezession und den aktuellen Weltwirtschaftsabschwung werden die Gewinne der meisten Unternehmen geradezu wegbröckeln. Eine große Anzahl von Rating-Abstufungen sind daher auch in bankfernen Bereichen absolut zu erwarten. Ich könnte mir durchaus auch Sovereign-Abstufungen vorstellen. Der Grund hierbei liegt einfach darin, dass die Rating-Agenturen bei den strukturierten Produkten viel zu lasche Ratings vergeben haben und daher in der Öffentlichkeit massiv kritisiert wurden. Sie werden daher versuchen, in der Öffentlichkeit eher konservativ zu erscheinen; also viele Abstufungen (zum Teil auch ungerechtfertigt) vornehmen.

11. Sammelklagen gegen Investmentbanken und Rating-Agenturen: ein großes Thema im Jahr 2008/2009 werden Sammelklagen gegen die Investmentbanken und Rating-Agenturen sein. Da beide Parteien von den zu laschen Ratings bei strukturierten Produkten massiv profitiert haben, kann man gewissermaßen schon von Vorsatz reden. Überdies wurden ARM-Strukturen in der Modellierung in der Regel nicht berücksichtigt. Dies ist in meinen Augen ein mathematisch wirklich grober Fehler (vergleichbar mit Autokauf ohne Bremse). Da zudem einige große amerikanische Städte auf der Geschädigten-Seite sind, könnte ich mir durchaus auch gewisse Erfolgsaussichten vorstellen.

Alles in allem sieht für mich die Weltwirtschaftslage so düster aus wie schon lange nicht mehr in den vergangenen 3 Jahrzehnten!


Der Politikskandal 2007

Januar 14, 2008

Politikskandale gab es schon einige seit Gründung der Bundesrepublik Deutschlands (Überblick politische Skandale in der BRD). Die bedeutendsten waren wohl die Spiegel-Affäre, der Guillaume-Spitzelskandal, die Flick-Affäre und der CDU-Spendenskandal. Bei all diesen Skandalen ging es nie um mehr als eine Mrd. Deutsche Mark. Im vergangenen Jahr wurden beim IKB-KfW-Skandal mindestens 5 Mrd. Euro verbrannt, doch musste bislang noch kein einziger der verantwortlichen Politiker dafür gerade stehen. Doch von Anfang an: wie kam es dazu?

Am 20. Juli meldet der damalige IKB-Chef Ortseifen, dass die IKB nur marginal von der Hypothekenkrise in den USA betroffen ist. Entsprechende Abschreibungen seien nur im einstelligen Millionenbereich und ein Ergebnis von rund 280 Mill.Euro werde erreicht werden.

Am 27. Juli kappen mehrere Banken (u. a. auch die Deutsche Bank) die Kreditlinien für die von der IKB außerhalb der Bilanz geführte Rhineland Funding. Die IKB ist quasi sofort zahlungsunfähig.

In dem anschließenden Wochenende (28/29.7.2007) schüren BaFin-Chef Sanio, Finanzminister Peer Steinbrück, KfW-Chefin Ingrid Matthäus-Maier und andere Banker ein Rettungspaket. Außerdem wird IKB-Chef Ortseifen durch KfW-Vorstand Günther Bräunig ausgetauscht.

Am 30. Juli wird schließlich bekannt, dass die KfW insgesamt 8,1 Mrd. Euro IKB-Verpfichtungen übernimmt. Der IKB-Aktienkurs kennt danach keinen Boden mehr.

Warum sollte diese Geschichte uns interessieren? Ganz einfach: bei der KfW handelt es sich um eine staatliche Bank. Sie gehört zu 80% dem Bund und zu 20% den Ländern (KfW Gesetz). Derzeit hat die KfW 4,95 Mrd. Euro für die IKB-Zusage zurückgestellt. Da die KfW weiterhin 38% an der IKB hält, musste sie zusätzliche 400 Mill. Euro aufgrund des IKB-Aktienkurs-Absturz abschreiben (Welt Artikel). Das sind insgesamt also rund 5,4 Mrd. Euro Verlust. Aufgrund der oben genannten Liquiditätszusage ist es wahrscheinlich, dass es sogar noch mehr als diese 5,4 Mrd. Euro werden. Zum Vergleich das komplette Elterngeld kostete den deutschen Haushalt im Jahr 2007 3,54 Mrd. Euro (REUTERS Artikel); die BAföG-Erhöhung gerade einmal 300 Mill. Euro (Offizielle BAföG Seite).

Mittlerweile bewertet die KfW-Chefin die Milliardenunterstützung für die IKB sogar kritisch. „Mit dem Wissen von heute über die eingetretenen Marktverwerfungen hätten wir die Rettungsaktion nicht gemacht“, sagte Matthäus-Maier (Welt Artikel). Doch von Rücktritt keine Spur. Sie sitzt weiterhin genau wie ihre Politikerkollegen im Aufsichtsrat (= Verwaltungsrat bei der KfW) fest im Sattel. Gerade aber der genannte Satz zeigt die Inkompetenz der (EX-FDP jetzt SPD-Politikerin) Matthäus-Maier. Die „Marktverwerfungen“ waren vorauszusehen! Genau deswegen haben ja alle anderen privaten Banken der IKB keine Kreditlinie gegeben. Sich also auf diese Weise herausreden zu wollen, ist dementprechend eine unglaubliche Dreistigkeit! Diese Aussage wird von Finanzminister und stv. Aufsichtsratsvorsitzenden der KfW Peer Steinbrück sogar noch getoppt: „Der Steuerzahler wird für die IKB-Krise nicht bezahlen müssen.“ Wer denn bitte schön sonst? Die KfW gehört ja zu 100% dem Staat. Ekkehard Wenger, Professor für Bank- und Kreditwirtschaft in Würzburg, bestätigt: »Es ist einfach Quatsch zu sagen, dass der Steuerzahler nicht bluten muss.« Steinbrück agiere offenbar nach dem Motto »Frechheit siegt« (Artikel in der Zeit).

Ein Blick auf den Aufsichtsrat der KfW (KfW Seite) reicht aus, um sich das Ausmaß der Inkompetenz auch nur vorzustellen: den Vorsitz teilen sich wechselnd Peer Steinbrück und Michael Glos. Weiterhin sind unter anderem dabei Horst Seehofer, Sigmar Gabriel, Wofgang Tiefensee, Dr. Frank-Walter Steinmeier, Roland Koch, Oskar Lafontaine, Michael Sommer, Franz Bsirske,…. Politiker aller Parteien finden sich dort und sie haben alle eins gemeinsam: sie haben nicht die geringste Ahnung vom Bankgewerbe und kassieren viel Geld für Nichtstun im Aufsichtsrat der KfW.

Das wirklich Traurige an dem IKB-KfW-Skandal ist, dass dieser eine Ausprägung einer allgemeinen globalen gesellschaftlichen Entwicklung ist. Treten Verluste bei privaten Unternehmen auf, zahlen die Bürger immer öfter in vollem Umfang dafür. Mit staatlichen Geldern wird das Unternehmen schnell saniert und dann zu einem Ramschpreis an einen Privatinvestor verkauft. Zu sehen ist das nicht nur bei der IKB in Deutschland, sondern auch in den USA (Countrywide Financial) und England (Northern Rock). Der renommierte Ökonom Nouriel Roubini beschreibt diesen Umstand mit „Privatizing Profits and Socializing Losses“ bzw. “socialism for the rich“!


Deutsche Post Lobbyisten siegen!!!

Dezember 17, 2007

Lobbyisten sind die fünfte Gewalt im modernen Staat. Wie einflussreich die Lobbyisten sind, kann jeder allein an der Anzahl der Hausausweise für den Bundestag ablesen: im Oktober 2003 hatten die Interessenvertreter mehr als 4500 Stück davon. Dies ist eine unglaubliche Zahl, zumal mindestens 5 Abgeordnete oder ein Fraktionsvorsitzender für den Lobbyisten bürgen müssen, so dass dieser einen Hausausweis bekommen kann. Mit diesem Ausweis hat er dann freien Zugang zu sämtlichen Abgeordnetenbüros.

Lobbyisten waren schon immer sehr erfolgreich. In den letzten Jahren aber ganz besonders: „gute“ Beispiele sind die Hynix-Strafzölle, die Dienstwagensteuer, die Gemeindefinanzreform und natürlich die Gesundheitsreform. Letzte Woche kam ein weiterer bedeutender Sieg hinzu. Der Bundestag stimmte dem sogenannten Post-Mindestlohn zu. Dieser soll für Beschäftigte, die nur Briefe sortieren, im Osten 8,00 und im Westen 8,40 Euro betragen. Für Zusteller sind im Osten 9,00 und im Westen 9,80 Euro vorgesehen (Artikel auf www.tagesschau.de). Die Zustimmung des Bundesrats, der am 20.Dezember tagt, gilt als absolut sicher.

Man kann sicherlich beim Thema allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn unterschiedlicher Meinung sein. Volkswirtschaftlicher Konsens ist jedoch, dass ein gesetzlicher Mindestlohn negative Auswirkungen auf die Beschäftigung hat (was auch intuitiv Sinn macht). Viele Studien deuten aber auch darauf hin, dass, wenn der gesetzliche Mindestlohn moderat ausfällt, diese negativen Beschäftigungseffekte nicht signifikant sind. Ich persönlich stehe trotzdem dem allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn stark ablehnend gegenüber, da er in meinen Augen die eigentliche Wurzel des Problems außer Acht lässt. Dies soll aber heute und jetzt nicht das Thema sein. Beschlossen wurde nämlich nur ein Mindestlohn für den Postbereich und nur darum geht es.

Warum wurde ein nun also ein Mindestlohn für die Briefbranche eingeführt? Diese Frage ist äußerst einfach zu beantworten. Die Manager der Deutschen Post haben nämlich schon seit Jahren große Angst vor der Liberalisierung der Postmärkte, die am 1.1.2008 offiziell stattfinden wird. Sie wissen, dass mehrere Unternehmen sie dann im klassischen Briefgeschäft massiv angreifen werden. Unter Unternehmern war dies natürlich auch bekannt und daher war es unter ihnen auch eine beliebte Frage dieses Jahr, ob es sich lohnt, ein Unternehmen in diesem Markt zu gründen. McKinsey ging sogar soweit, dass Bewerber für einen Vollzeit-Job eine entsprechende Case-Study zu bearbeiten hatten. Dementsprechend hat die Deutsche Post alle Hebel in Bewegung gesetzt, mittels Mindestlohn alle zukünftigen Wettbewerber auszuschalten. Und letzte Woche hat die Deutsche Post dann schließlich Erfolg damit gehabt: der Post-Mindestlohn wurde eingeführt und damit die anstehende Liberalisierung des Briefmärkte bereits jetzt im Keim erstickt. Postchef Zumwinkel war über die Entscheidung derart erfreut, dass er sofort seine 200640 Aktien-Optionen eingelöst hat (der Kurs ist im Vorfeld und am Tag der offiziellen Verkündung massiv gestiegen) und damit einen Gewinn von 4.73 Mio. Euro eingenommen hat (Spiegel Online Artikel). Die Koaltion hat Herrn Zumwinkel also wahrlich ein schönes Weihnachtsgeschenk gemacht!

Verlierer sind vor allem die deutschen Verbraucher. Ihre Interessen werden beim Post-Mindestlohn in keinster Weise berücksichtigt. 466 Abgeordneten war dies jedoch völlig egal und stimmten dem Gesetzentwurf der Lobbyisten zu. Sie alle sollten sich schämen!


Die aktuelle Weltwirtschaftskrise

Dezember 11, 2007

Schaut man sich derzeit die Aktienmärkte an, müsste man eigentlich meinen, die Wirtschaft läuft. Der DAX wieder über 8000. Warum sich also Sorgen machen? Die Bondmärkte weisen hingegen auf eine ganz andere Entwicklung hin. Fed Fund Futures preisen bereits eine Zinssenkung auf 3.25% bis Mitte 2008 ein. Die Fed hat bisher die Zinsen schon um 75 bps gesenkt. Dass die Fed diese Woche weiter senken wird, ist bereits sicher. Fraglich ist lediglich die Höhe: 50 bps oder doch nur 25 bps. Die Bondsmärkte preisen also nichts anderes als eine leichte Rezession in den USA ein. Der so genannte Bond King Bill Gross, Portfolio Manager des größten Bondfonds der Welt, spricht sogar mittlerweile von einem „breakdown of our modern day banking system“.

Wer hat nun aber Recht: die Aktienmärkte oder die Fixed Income Märkte? Um diese Frage zu beantworten, muss man sich erst Mal vergegenwärtigen, wie es zu der aktuellen Finanzkrise gekommen ist. Seit 2003 bekamen viele Menschen in den USA Immobilienkredite, an die sie normalerweise wegen ihrer geringen Bonität niemals gelangt wären. Möglich wurde diese Entwicklung durch den massiven Einsatz von aggressiv gepreisten Adjustable-Rate-Mortgages (ARM). Diese ARM haben in der Regel in den ersten 2-5 Jahren einen extrem geringen Zinssatz, springen dafür aber nach Ablauf dieser Periode auf einen gewaltig höheren Zinssatz. Dies kann leicht zu einer Verdopplung (in manchen Fällen sogar eine Verdreifachung) der monatlichen Zinszahlungen führen. Dass sich diesen Sprung die meisten Subprime-Kunden (Kunden mit geringer Bonität) nicht leisten können, war den Machern natürlich durchaus bewusst. Einige Immobilienfinanzierer spekulierten sogar aktiv auf diese Privatinsolvenz, in dem sie die Beleihungsquoten für Subprime-Kunden (80% vs. 70%) höher wählten als für Prime-Kunden (Kunden mit hoher Bonität). Das bedeutet, dass ein Subprime-Kunde bei einer Immobilie im Wert von 100.000$ einen Kredit von 80.000$ bekommen hat – ein Prime-Kunde, trotz höherer Bonität, jedoch nur 70.000$. Diese unglaubliche Tatsache war den Machern natürlich ebenfalls bewusst. Sie wollten aber vor der Privatinsolvenz natürlich noch das Maximum an Zinszahlungen herausholen. Da die ARM aber zu Beginn einen sehr niedrigen Zinssatz haben und dieser de facto nicht geändert werden kann (ansonsten nimmt der Subprime-Kunde keinen Kredit), musste die Kreditsumme möglichst hoch sein. Also setzte man die Beleihungsquoten hoch. Das Problem bei diesem Verfahren ist jedoch, dass dies aus Sicht des Finanzierers nur funktioniert, wenn der Häuserwert steigt. Nun erleben wir aber in den USA gerade die größte Immobilienrezession der letzten 75 Jahre. Dementsprechend sind dieses Jahr die Immobilienpreise im Durchschnitt um 5% gefallen (in manchen Regionen um 30-40%). Deswegen mussten so viele spezialisierte Immobilienfinanzierer bislang Insolvenz anmelden.

Selbstverständlich waren auch ganz viele klassische Banken mit von der Partie. Diese haben in den vergangenen Jahren weniger auf die Kreditwürdigkeit eines Kunden geschaut als üblich, zumal der Verbriefungsmarkt einen ungeheuren Boom erlebt hat. In diesem Markt werden Kredite zusammen gebündelt, entsprechend strukturiert und anschließend an Investoren weiterverkauft. Da somit die Kredite nicht mehr in der eigenen Bilanz zu finden sind, spielt für die Bank das Ausfallrisiko eine geringere Rolle als historisch das bislang der Fall war.

Warum haben Investoren diese Produkte überhaupt gekauft? Diese Frage ist sehr einfach zu beantworten: weil die meisten Investoren unfähig waren (das Paradebeispiel dafür ist sicherlich der ehemalige IKB-Chef Ortseifen) und sich einzig und allein auf das Rating der Produkte verlassen haben. Diese waren in der Regel mit AAA bewertet und brachten einen Spread zwischen 50-90 bps. Die Produkte wirkten also auf den ersten Blick extrem attraktiv. Aber jeder, der auch nur ein wenig Ahnung vom Finanzsektor hat, weiß, dass „free lunch“ vielleicht möglich ist, aber nicht so einfach, dass man es von den Rating-Agenturen auf dem Teller serviert bekommt. Es musste also etwas faul sein. Und es war auch etwas faul. Die Rating-Agenturen haben nämlich weder den zuvor 7 jährigen Immoblienboom noch den massiven Einsatz von ARMs berücksichtigt. Die entsprechenden Ausfallwahrscheinlichkeiten hätten also viel höher modelliert werden müssen. Dies hätte natürlich zur Konsequenz gehabt, dass die guten Ratings nicht mehr zu halten gewesen wären und damit die entsprechenden Produkte ihre Attraktivität verloren hätten.

Nun stellt sich natürlich die Frage, warum diese Entwicklung wirklich so dramatisch ist. Ein wichtiger Punkt hierbei liegt schlicht und ergreifend an dem Volumen. Die meisten Analysten schätzen den Abschreibungsbedarf im Subprime-Bereich zwischen 300-400 Mrd. Dollar (Nouriel Roubini’s Global EconoMonitor). Zudem werden Hunderte von Mrd. an Abschreibungen im Bereich Business Immobilien, Kreditkarten und Autokredite fällig. Dies trifft vor allem die Banken, da diese auf ihren strukturierten Produkten, die sie in der Pipeline haben (und die auf diesen Produkten beruhen), einfach sitzen bleiben, da es dafür derzeit keine Käufer mehr gibt. Diese haben bislang erst 50 Mrd. Dollar abgeschrieben, so dass da noch einiges auf diese zukommen wird. Erschwerend kommt für die Banken hinzu, dass am 15. November eine neue FASB Richtlinie erlassen wurde. Mit dieser ist es für die Banken schwieriger die so genannten Level 3 Assets (hauptsächlich sind das strukturierte Produkte) bilanziell unter den Teppich zu kehren. Bislang konnten sie diese Assets „mark-to-make believe“ preisen. Nun müssen aber auch diese Produkte „mark-to-market“ behandelt werden. Da alle strukturierten Produkte (unabhängig ob Immobilien behaftet oder nicht) seit Juli massiv gefallen sind, wird diese Richtlinie also für weitere Mrd. Abschreibungen bei Banken sorgen. Überdies stellt der Vertrauensverlust in die Rating-Agenturen ein riesiges Problem für die Banken da. Diese können im Bereich strukturierte Produkte nämlich nur noch sehr wenig Geschäft generieren. Gerade dieser Geschäftsbereich war aber in den letzten Jahres ein starker Ergebnistreiber und fällt nun faktisch weg. Dementsprechend sind die meisten Banken derzeit in Liquiditätsengpässen. Wie schlimm diese Engpässe sind, konnte man heute am Beispiel der UBS sehen. Diese gab bekannt, dass sie dieses Jahr wahrscheinlich einen Verlust ausweisen muss und sich Kapital von ausländischen Investoren beschafft hat. Weiterhin ist durch diese Probleme die allgemeine Risikoprämie am Markt massiv gestiegen: Credit Spreads haben sich beispielsweise seit Juli mehr als verdreifacht. Der Euribor-Spread befindet sich schon längere Zeit auf historisch hohem Niveau (ca. 90 bps). Der Grund dafür ist, dass durch die Ausfälle das Risikobewusstsein stark gestiegen ist – im Falle des Euribor also das Counterpart-Risk. Diesen Risiko-Aspekt kann man von seiner Bedeutung her gar nicht genug betonen. Ein Euribor-Spread von 90 bps über einen längeren Zeitraum ist faktisch eine dreifache Zinserhöhung um 25 bps (und dies im aktuellen konjunturellen Umfeld). Bill Gross formuliert diesen Aspekt übrigens so: „The publicised and photographed overnight „runs“ on Countrywide and the UK’s Northern Rock in mid-August were nothing compared to what’s taking place in the shadows of the real banking system. Credit contraction, with its inevitable companion of asset destruction, is spreading with the speed of an infectious bacterial disease“ (Investment Outlook Bill Gross),

Ein weiterer zentraler Punkt ist die Auswirkung der Immobilienkrise auf das Verbrauchervertrauen. Ein durchschnittlicher Wertverlust von 5% ist sicherlich nicht einfach zu verkraften (in nächster Zeit werden es wohl eher 10-15%). Doch ist dies nichts gegen die täglichen Meldungen von Zwangsvollstreckungen. Seit Mitte dieses Jahres sind 800.000 Zwangsvollstreckungen durchgeführt worden. Diese beachtliche Zahl soll in den kommenden Jahren sogar noch auf 3.5 Mio. steigen (New York Times Artikel). Dies hat selbstverständlich riesigen Einfluss auf die Verbraucherpsyche und damit auf den Konsum – insbesondere bei einem Land wie den USA, in dem die Konsumquote traditionell sehr hoch ist.

Den Politikern in den USA ist diese ganze Thematik natürlich nicht entgangen. Selbstverständlich versuchen sie das Problem zu lösen. Doch tun sie es bisher äußerst dilettantisch: der vorgeschlagene 100 Mrd. Superfonds birgt nicht nur ein großes Moral-Hazard-Problem sondern auch das Problem, dass die notwendigen Abschreibungen nur weiter in die Zukunft verschoben werden und somit die Krise einfach weiter verlängert wird. Vergangene Woche hat Präsident Bush vorgeschlagen die Zinssätze der ARMs einfach einzufrieren. Dieser Vorschlag hat den Nachteil, dass dann in Zukunft alle Banken auch politische Risiken mit einpreisen würden und damit Kredite generell teuerer würden. Zudem würden gemäß der New York Times (selber Artikel) nur 250.000 Menschen von diesem Plan profitieren und de facto alle Hilfe auf den privaten Sektor abgewälzt. Sie urteilt daher über den Bush-Vorschlag: „The plan is too little, too late and too voluntary“. Von Seiten der Politik ist dementsprechend keine Unterstützung zu sehen und zu erwarten.

Fazit: die Bondsmärkte haben Recht. Die aktuelle und schlimmste Immobilien- und Finanzkrise der vergangenen 75 Jahre, gepaart mit einer deutlich geringer werdenden Konsumquote, zunehmender Lohndynamik in Osteuropa und Emerging Markets, Commodity-Preisen nahe an Höchstständen und einem sich im Tiefflug befindenden US-Dollar, werden zu einer Rezession in den USA und Europa führen!


Die Erbschaftssteuer und die SPD

Dezember 9, 2007

Wie in meinem Blog im April angedeutet, ist es jetzt zur Reform der Erbschaftssteuer gekommen. Hierdurch werden nahe Verwandte steuerlich bevorteilt, während entfernt oder nicht verwandte Personen im Vergleich zur bisherigen Reglung benachteiligt werden. Demnach erhalten Ehepartner einen Freibetrag von 500.000 Euro (bisher 307.000), Kinder 400.000 Euro (bisher 205.000) und Enkel 200.000 Euro (bisher 51.200). Die Steuerhöhe der Klasse 1 wird dabei unangetastet bleiben. Für die Steuerklassen 2 und 3 wird ein 2-Stufen-Tarif (30% und 50%) eingeführt. Eingetragene Lebenspartner werden zwar bezüglich des Freibetrags mit Ehepartnern gleichgestellt, durch die unterschiedliche Steuerklassenbehandlung aber weiterhin diskriminiert. Weiterhin wird die Unternehmungsnachfolge unter gewissen Bedingungen sogar steuerfrei sein. Die Wirtschaft soll damit jährlich um ca. 450 Mio. Euro entlastet werden. Das Aufkommen aus der Erbschaftsteuer soll dennoch auch nach Inkrafttreten der Reform mindestens gleich hoch (rund 4 Milliarden Euro) bleiben. Weitere Details zu der Reform finden sich hier (PDF-File des Finanzministeriums).

Warum nur stimmt die SPD dieser Reform zu? Wer einmal in seinem Leben eine SPD-Wahlkampfveranstaltung besucht hat, weiss, dass nur bei den Themen Erbschaftssteuer und Managergehälter echte Stimmung aufkommt. Warum bedient hier die SPD nicht Ihre Klientel?

Nach Studien des DIW werden derzeit jährlich 130 Mrd. Euro vererbt. Diese Summe wird in den nächsten Jahren sogar auf 200 Mrd. Euro anwachsen. Die geplanten Einnahmen aus der Erbschaftssteuer von rund 4 Mrd. Euro (entspricht ungefähr zwischen 2-3%) sind daher geradezu ein Witz. Dr. Jens Beckert, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, bringt es in seinem lesenswerten Buch „Unverdientes Vermögen: Soziologie des Erbrechts“ auf den Punkt: „Vermögen ist ungleich verteilt. Einer kleinen Elite gehören große Teile des in der Gesellschaft verfügbaren Privateigentums. Eine Ursache für die Ungleichheit der Vermögensverteilung, die weit ausgeprägter ist als die Ungleichverteilung von Einkommen, sind Erbschaften.“ Nicht die Ungleichheit der Einkommen ist das Hauptproblem, sondern das der Vermögen. In dem 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (PDF-File) findet sich hierzu eine traurige Zahl: die unteren 50% aller Privathaushalte verfügen demnach nur über etwas weniger als 4% des Nettovermögens. Selbst diese Zahl ist jedoch noch geschönt worden, da Betriebsvermögen bei der Kalkulation nicht berücksichtigt worden sind. Daher ist die wirkliche Zahl sogar noch deutlich geringer als die genannten 4%.

Weiterhin weist Dr. Beckert auf die Tatsache hin, dass gerade Länder mit einer liberalen Tradition wie zum Beispiel die USA das Erbe stets als Problem angesehen hätten. Schließlich würden Erbschaften die Chancengleichheit einer Gesellschaft untergraben, den Traum vom Tellerwäscher, der es zum Millionär bringe. Der große liberale Denker John Stuart Mill war daher auch ein leidenschaftlicher Verfechter einer radikalen Erbschaftssteuer. Diese sei nämlich das beste Mittel, um Chancengerechtigkeit wenigstens annähernd zu erreichen.

Vermögen der Steuerklasse 1 werden insbesondere im internationalen Vergleich niedrig besteuert: Vermögen zwischen 600.000 – 6 Mio. Euro mit 19%, zwischen 6 Mio und 13 Mio Euro mit 23% und über 26 Mio. mit 30%. Die wirklich reichen Menschen werden aber wohl nicht einen Cent bezahlen, da Sie das komplette Vermögen in Form eines Unternehmens bündeln (ist keines vorhanden, wird eines zum Beispiel in Form einer Immobiliengesellschaft gegründet).

Es gibt sicherlich wenige politische Themen, in denen die SPD ökonomischen Sachverstand und Klientelpolitik miteinander verbinden kann. Die Erbschaftssteuer war definitv eins dieser Themen. Warum hat die SPD nun dieser Reform zugestimmt? Es gibt nur eine logische Antwort: die SPD-Führung hat komplett versagt!


G8, Globalisierung, etc.

Juni 26, 2007

Während des G8-Gipfels wurde massiv protestiert. Es wurden vor allem mehr Entwicklungshilfe, mehr Klimaschutz und weniger Liberalisierung bzw. Globalisierung gefordert. Im Folgenden werde ich diese Forderungen auf ihre Sinnhaftigkeit hin untersuchen.

Es fliessen gewaltige Summen an Entwicklungshilfe nach Afrika. Der Professor William Easterly von der renommierten New York University schätzt die seit den sechziger Jahren nach Afrika geflossene Entwicklungshilfe auf ungefähr 2,3 Billionen Dollar. Gebracht hat das bisher herzlich wenig. Nichtsdestotrotz wird immer mehr Geld gefordert.
Hierbei wird jedoch ein wesentlicher Punkt vergessen: Die meisten Dritte-Welt-Länder, denen es heute besser geht (beispielsweise Singapur, Hong Kong, China und Thailand), haben dies ohne oder zumindest fast ohne fremder Hilfe geschafft. Und unlogisch ist das nicht. Geld fließt in dringend reformbedürftige Staaten, die ohne Entwicklungshilfe gar nicht länger existieren würden. Somit wirkt das Geld systemstabilisierend. Und wer bekommt das ganze Geld? Es sind die reichen Eliten. Der Ökonom Peter Bauer formuliert dies wie folgt: Entwicklungshilfe ist die Umverteilung des Geldes der Armen aus den reichen Ländern an die Reichen aus den armen Ländern. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, daß viele afrikanische Leute (zum Beispiel Wole Soyinka, Andrew Mwenda und James Shikwati), die Einstellung der Entwicklungshilfe fordern. Wenn es keine Entwicklungshilfe gäbe, müssten die Eliten nach anderen Geldquellen Ausschau halten und die Regime reformieren. Denn keine Entwicklungshilfe bedeutet mehr Reformdruck. Professor Easterly unterstreicht diese These. Er findet sogar empirische Hinweise, dass Entwicklungshilfe das Wirtschaftswachstum des entsprechenden Landes bremst.
Wie sieht es jetzt mit der Streichung der Schulden für afrikansche Länder aus? Auch diese Politik ist äußerst kritisch zu sehen. Zum einen reduziert auch diese Maßnahme den nötigen Reformdruck. Zum anderen wird diese Politik definitiv eine Spreaderhöhung zur Folge haben. Damit würden dann die aktuellen Finanzierungskosten aller Emerging Markets deutlich steigen.
Kurzum, die Überweisung von Geldern und die Streichung von Schulden macht also entwicklungspolitisch wenig Sinn. Was macht aber Sinn? Sinn macht es die europäischen Agrarsubventionen restlos zu streichen. Auf diese Weise würde der große Landwirtschaftssektor in Afrika massiv gestärkt. Zwar wird die Stärkung nicht so groß ausfallen, wie sich viele erhoffen, da kein Land auf dieser Welt mit Brasilien (Hightechausstattung gebündelt mit riesigen flachen Flächen) mithalten kann. Es ist aber die einzige Maßnahme, von der Afrika und natürlich auch Europa umgehend profitiert!

Zum Thema Klimaschutz ist schon viel geschrieben worden. Mittlerweile ist wissenschaftlicher Mainstream, daß der Mensch den Klimawandel verursacht hat. Einzig und allein und auch wenig verwunderlich bestreitet dies nur noch die American Association of Petroleum Geologists (AAPG). Wie nachhaltig sich das Klima bis zum Ende des 21. Jahrhunderts ändern wird, beschreibt in einer hervorragenden Studie das Max-Planck-Institut für Meteorologie. Demnach werden zum Beispiel die Temperaturen zwischen 2,5-4 Grad ansteigen (MPI Klimastudie). Weiterhin äußerst empfehlenswert ist auch der Film „An Inconvenient Truth“ von Al Gore. Aufgrund dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse wird Klimaschutz im 21. Jahrhundert auch als präventive Sicherheitspolitik betrachtet (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung).
Es bleibt also festzuhalten: Für den Klimaschutz lohnt es sich sogar, auf die Straße zu gehen!

Widmen wir uns nun also der Liberalisierung bzw. Globalisierung. Gibt es überhaupt wissenschaftliche Studien, die deren Effekte messen?
Ja, die gibt es! Nach einer Reihe von Konfernzen in den Jahren 1986-1994 taten sich 60 weltweit führende Wissenschaftler zusammen, um den Einfluss der Ökonomischen Freiheit zu messen. Zu den Wissenschaftlern zählten zum Beispiel die Nobelpreisträger Milton Friedman, Gary Becker und Douglass North. Bei der mittlerweile jährlich erscheinenden Studie (Economic Freedom of the World Study) wurde großen Wert auf die zugrunde liegende Methodologie gelegt. Sämtliche verwendeten Daten werden von autorenfremden Organisationen wie beispielsweise der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds oder dem World Economic Forum bezogen. All diese Daten sind selbstverständlich frei verfügbar (EFW Daten). Der Fokus der Studie liegt dabei auf dem sogenannten Economic Freedom of the World (EFW) Index. Unter den 120 untersuchten Ländern hat hierbei Hong Kong den größten EFW-Index, gefolgt von Singapur, Neuseeland und der Schweiz. Deutschland landet hierbei auf Platz 17.
Die Kernaussagen der Studie lauten wie folgt:

1. Je höher der EFW-Index, desto höher ist das Einkommen pro Kopf.

2. Je höher der EFW-Index, desto höher ist das durchschnittliche Wirtschaftswachstum

3. Je höher der EFW-Index, desto höher ist die Lebenserwartung

4. Je höher der EFW-Index, desto niedriger ist die Arbeitslosenquote.

5. Je höher der EFW-Index, desto höher ist das Einkommen der ärmsten 10%.

Daher kann es auch nur eine Devise geben: Nicht weniger Liberalisierung bzw. Globalisierung, sondern mehr!