Weltwirtschaftskrise 2008

Anfang Dezember hatte ich bereits in meinem Blog detailliert beschrieben, wie es zur aktuellen Krise gekommen ist und warum wir eine Rezession in den USA sehen werden. Knapp 1,5 Monate später spricht auch die Mehrzahl der Ökonomen davon, dass wir nah dran sind an einer US-Rezession. Man könnte also meinen, dass ich Recht behalten habe. Ich gebe jedoch zu bedenken, dass auch eine kaputte Uhr zwei Mal an einem Tag richtige Werte anzeigt. Davon abgesehen habe ich mich in zwei Punkten absolut getäuscht: der US-EURO-Wechselkurs und die Commodity-Preise werden positiven und nicht negativen Einfluss auf die aktuelle Krise haben. Dies mag paradox klingen, liegt aber darin begründet, dass ich bis vor wenigen Tagen das globale Ausmaß der Krise total unterschätzt habe (die US-Wahlen spielen dabei sicherlich auch eine Rolle). Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich selten zu rabenschwarzen Pessimismus neige. Im folgenden werde ich daher die wichtigsten Aspekte nennen, die mich zu meiner Einschätzung geführt haben. Ich beschränke mich hierbei auf die Aspekte, die bisher in den Medien selten oder gar nicht genannt worden sind.

1. Konsum: dies ist bei der aktuellen Rezession sicherlich der wichtigste Punkt. Im Gegensatz zur 2001 Rezession, in der das Konsumentenausgabenwachstum nie unter 1% war (gestützt durch den 1999 angefangenen Immobilienboom), werden wir dieses Mal massive Auswirkungen auf den privaten Verbauch sehen. Dies konnte man bereits deutlich an den Quartalszahlen von Citi und JPM ablesen. Die meisten Anleger haben nur auf die Abschreibungen im Subprime-Bereich geschaut. Diese waren zwar riesig, aber zu erwarten. Das eigentlich dramatische an den Zahlen war das Konsumer-Kredit, Autokredit und normale Kreditkartengeschäft. Hier sind die Ausfallraten geradezu explodiert! Das heißt im Klartext, die Immobilienkrise hat bereits beim privaten Verbraucher massive Spuren hinterlassen. Der Fokus wird wieder mehr auf der hohen Verschuldung der privaten Verbraucher sein. Kritiker werden auf die überraschend „starken“ Michigan-Zahlen von gestern verweisen, aber im Dezember lief der Aktienmarkt auch noch gut. Nach den jüngsten Einbrüchen im Dow Jones und S&P 500 werden die Michigan-Zahlen bald auch wieder ganz übel ausfallen.

2. Arbeitsmarkt: tendenziell immer ein Spätindikator, aber mittlerweile zeigt auch dieser Spuren der Immobilienkrise. Den Sprung von 4,7% auf 5% bei den Arbeitslosenzahlen würde ich aber nicht überbewerten, da klimabedingt mehr Jobs als üblich ausfielen. Dennoch hat Paul Donovan (Managing Director UBS Global Economics) sicherlich Recht: wir befinden uns in Phase 4 (Feuern von Vollzeitangestellten). Die Phasen 1 (illegale Arbeiter feuern), 2 (Feuern von Teilzeitarbeitern) und 3 (prinzipieller Einstellungsstop) sind bereits durchlaufen.

3. Weltweite Immobilien-Bubble: der Immobilienboom war weltweit auch in einigen anderen Ländern zu sehen: zum Beispiel Spanien, Irland und England. Auch hier werden die Preisabstürze massive Auswirkungen auf das Verbrauchervertrauen haben. Des weiteren ist dort, genau wie in den USA, keine Entspannung in Sicht, da zum einen die Finanzierungskosten gestiegen sind und zum anderen sich die Immobilienkredit-Ablehungsquote auf historisch hohem Niveau befindet. Das bedeutet, dass eine Person, falls diese überhaupt einen Immobilienkredit derzeit bekommt, sehr hohe Raten zahlen muss. Dementsprechend ist auf der Häusernachfrageseite keine Entspannung zu erwarten.

4. Refinanzierung für Unternehmen wird aufgrund der höheren Corporate-Spreads deutlich teurer. Dies gilt ebenfalls für viele nicht börsennotierte Unternehmen, die sich in der Regel auf Floater-Basis verschulden.

5. Global Recoupling und nicht global decoupling, genau wie von NYU Professor Nouriel Roubini prognostiziert, tritt ein. Die Welt hängt vielleicht weniger ab von den USA als vor 10 Jahren, aber immer noch mehr als genug. Davon abgesehen, erleben wir in den USA nicht eine leichte Rezession, sondern eine wirklich schwere. Von decoupling kann also beim besten Willen keine Rede sein.

6. Abkühlung der Emerging Markets: bereits seit 1-2 Monat spüren asiatische Unternehmen die aktuelle Krise in Ihren Auftragseingängen. Überdies vergessen die meisten Investoren gerne, dass vor allem in China das Wachstum durch ausländische Direktinvestitionen (und nicht durch inländischen Konsum) getragen worden ist. Kriselt es richtig im Westen, werden die Gelder auch sehr schnell wieder abgezogen. In diesem Fall geht es zumindestens kurzfristig steil bergab.

7. Olympia 2008: die olympischen Spiele beurteile ich negativ für das Wachstum in China. Zum einen wird wahrscheinlich die chinesische Schwerindustrie in den beteiligten Städten für 2 Monate de facto stillgelegt werden müssen, da die Luftverschmutzung den Sportlern sonst defintv nicht zu zumuten ist. Überdies werden die chinesischen Probleme (Diktatur, Hardcore-Kapitalismus, riesige Armut, massive Umweltprobleme, etc.) mehr im Fokus der globalen Öffentlichkeit sein. Es ist immer was anderes, etwas wirklich selbst zu sehen als nur in der Presse zu lesen. Außerdem birgt Olympia für China sowohl das Taiwan als auch das Tibet Risiko. Beide Gruppierungen werden im Vorfeld und während der Spiele versuchen, Fortschritte zu erzielen, was zu deutlichen politischen Spannungen im Anschluss führen wird.

8. Monoliners sind Versicherer für Fixed Income Produkte – in erster Linie für Corporate Bonds. In letzter Zeit haben sie jedoch auch viele ABS und CDO Strukturen versichert (sogenannte credit enhancements). Das Problem bei den Monoliners ist, dass ihre Eigenkapitalbasis hierfür viel zu gering ist. Daher liefen Aktien von Monoliners neben Immobilienfinanzierern am schlechtesten seit einem Jahr (viele verloren weit über 90% ihres Marktwertes). Normalerweise müssten die Rating-Agenturen eigentlich so gut wie jeden Monoliner downgraden (dies würde de facto Konkurs bedeuten). Ich kann es schwer einschätzen, ob die Rating-Agenturen diesen Schritt wirklich machen werden. Aber falls dem so ist, dann wird die Reaktion nichts sein im Vergleich zu dem „Erdbeben“ bei der GM und Ford Abstufung. Das wäre wahrlich eine WMD, die im Finanzbereich hochgeht.

9. Leverage ist ein äußerst bedeutender Faktor in der heutigen Finanzwelt. Bei dem Zusammenbruch von LTCM war der Leverage sogar so hoch, dass sich die Fed und die Wallstreetbanken gezwungen sahen, Milliarden Stützungskäufe zu tätigen. Und Leverage ist seit 1998 noch viel wichtiger geworden: nahezu alle Banken haben ihre Verschuldungsquote hochgefahren (das bedeutet bei denen nichts anderes als Leverage), um die P&L zu schönen. Dies macht Banken viel anfälliger als sie derzeit vom Markt wahrgenommen werden. Daneben wurden bei immer mehr SIVs immer höhere Leveragequoten gefahren. Außerdem wird immer noch viel Geld durch CPPI und (seit zwei Jahren auch) durch CPDO Strukturen angelegt. Hier werden bei einigen Strukturen sicherlich noch mehr Notverkäufe stattfinden, was die Preise von strukturierten Produkten sogar noch mehr in den Keller treibt.

10. Riesige Anzahl von bevorstehenden Downgrades: durch die US-Rezession und den aktuellen Weltwirtschaftsabschwung werden die Gewinne der meisten Unternehmen geradezu wegbröckeln. Eine große Anzahl von Rating-Abstufungen sind daher auch in bankfernen Bereichen absolut zu erwarten. Ich könnte mir durchaus auch Sovereign-Abstufungen vorstellen. Der Grund hierbei liegt einfach darin, dass die Rating-Agenturen bei den strukturierten Produkten viel zu lasche Ratings vergeben haben und daher in der Öffentlichkeit massiv kritisiert wurden. Sie werden daher versuchen, in der Öffentlichkeit eher konservativ zu erscheinen; also viele Abstufungen (zum Teil auch ungerechtfertigt) vornehmen.

11. Sammelklagen gegen Investmentbanken und Rating-Agenturen: ein großes Thema im Jahr 2008/2009 werden Sammelklagen gegen die Investmentbanken und Rating-Agenturen sein. Da beide Parteien von den zu laschen Ratings bei strukturierten Produkten massiv profitiert haben, kann man gewissermaßen schon von Vorsatz reden. Überdies wurden ARM-Strukturen in der Modellierung in der Regel nicht berücksichtigt. Dies ist in meinen Augen ein mathematisch wirklich grober Fehler (vergleichbar mit Autokauf ohne Bremse). Da zudem einige große amerikanische Städte auf der Geschädigten-Seite sind, könnte ich mir durchaus auch gewisse Erfolgsaussichten vorstellen.

Alles in allem sieht für mich die Weltwirtschaftslage so düster aus wie schon lange nicht mehr in den vergangenen 3 Jahrzehnten!

14 Antworten zu Weltwirtschaftskrise 2008

  1. Börsenguru sagt:

    Wie man an den letzen Tagen sieht, müssen ja echt viele Leute Deinen Block lesen…aber teiole Deine Meinung voll und ganz….gute Analyse…genau auf den Punkt gebracht…

  2. Seb sagt:

    Zyniker behaupten, jede Rezessionsvorhersage ist bereits zu 50% richtig. Irgendwann kommt er immer, der Abschwung. Dennoch ist die Analyse m.M. nach sehr gut und detailliert.

    Ich finde, Wirtschftswissenschaftler, Volkswirte und Konjunkturforscher sollten dennoch möglichen Instrumenten zur Verhinderung von „Rezessionsschäden“ mehr Aufmerksamkeit widmen, als lediglich Vergangenes zu analysieren und die logischen Folgerungen daraus abzuleiten.

  3. Gary H sagt:

    Bisher hat die USA keine Anstengung getaetigt, ausser Leitzinssenkung, einer bevorstehenden Rezession ins Auge zu sehen und aktiv zu bekaempfen. Das Defizit wird noch mit Absicht durch zusaetzliche Ausgaben fuers Militaer in die Hoehe getrieben. Wollen gewisse Interessengruppen in den USA eine Rezession herausfordern? Die Leitzinssenkung wird die Katastrophe nur verzoegern, aber nicht verhindern, wenn die Regierung keine fiskale Verantwortung zeigt.
    Die USA Regierung sollte auch zusehen, dass die Federal Reserve Bank wieder unter staatliche Hand kommt. Die US Federal Reserve Bank ist soviel Federal wie Federal Express und vertritt deshalb nur die Interessen von deren Shareholders. Keine US Regierungsebene hat kontrolle ueber die US Federal Reserve Bank.

  4. DDH sagt:

    Es tritt genau das von Roland Baader beschriebene Szenario ein. Aus der Krise des fiat money Systems wird eine Weltwirtschaftskrise!

  5. lydia4krasnic sagt:

    http://www.fee.org/pdf/the-freeman/0712Johnson.pdf

    http://www.gkpn.de/blankert.pdf

    Am meisten leiden unter dem Staatskapitalismus die Armen!!!

  6. Björn sagt:

    Die Behauptung, dass das Wachstum in China durch ausländische Direktinvestitionen getragen wurde ist schlichtweg falsch. Vielmehr kommen die Investitionen aus den einbehaltenden Gewinnen der inländischen hauptsächlich staatseigenen Unternehmen. Die FDI spielen sicherlich auch eine wichtige Rolle, jedoch nicht in dem Maße wie hier angenommen.
    Gruß Björn

  7. Jürgen Martinschledde sagt:

    Einer der Hauptgründe für Chinas wirtschaftlichen Erfolg sind FDIs. Hierzu schreibt beispielsweise http://www.uschina.org/:

    In 2006, China maintained its position as one of the world’s top destinations for foreign direct investment (FDI). Foreign-invested enterprises (FIEs) play a large role in China’s economy, accounting for 27 percent of value-added production, 4.1 percent of national tax revenue, and more than 58 percent of foreign trade. According to the PRC press, companies from 190 countries and regions have invested in China, including 450 of the world’s Fortune 500 companies. By the end of 2005, FIEs in China employed more than 24 million PRC citizens.

    In diesem Punkt sind sich VWLer einig. Selbstverständlich ist das nicht der einzige Grund, aber einer der Hauptgründe. Abgesehen davon ging es in dem Punkt 6 um das Platzen der Emerging Market Blasen. Fast alle EM Indizes sind in den letzten Monaten (von einigen wenigen Ausnahmen wie Taiwan abgesehen) im Minus. Es deutet also alles darauf hin, dass dieser Aspekt bereits eingetroffen ist.

  8. christian nestler sagt:

    Der Kapitalismus-Ein System, das funktioniert:

    Der Kapitalismus ist ein Wirtschaftssystem, das aus einer riesigen Anzahl von Gläubigern
    und Schuldnern besteht.
    Da diese Gläubiger/Schuldner-Beziehungen über die Zeit laufen, fordern sie Zins.
    Diese Zinsen sind nirgendwo vorhanden. KM hat uns den Weg gezeigt, ohne ihn selbst
    zu gehen. Damit die Zinsen nicht unbezahlt bleiben, muß sich jemand finden, der den früheren
    Schuldnern hilft, aus ihren Zinsverpflichtungen zu schlüpfen.
    Das kann nur geschehen, indem der spätere Schuldner seinerseits Schulden macht.
    Der Kapitalismus kann nur existieren, wenn spätere Schuldner früheren Schuldnern
    5/59
    helfen.
    Das tun sie, indem sie selber Schulden machen, die immer so hoch sein müssen, daß die Zinsverpflichtungen
    aus den früheren Schulden bedient werden können.
    Der Kapitalismus ist also nichts anderes als ein Kettenbrief-System.

    http://www.miprox.de/Wirtschaft_allgemein/Der-Kapitalismus.pdf

  9. rico m sagt:

    Dein Blog zur Weltwirtschaftskrise schreit gerade zu nach einem update. Haben wir das schlimmste noch vor uns, oder sind „wir“ dabei die Probleme zu verschleppen und die Auswirkungen auf die kommenden Jahre abzufedern? Eine aktuelle Einschaetzung der Lage wuerde mich brennend interessieren. Hier in UK scheint alles in eine Richtung zu deuten, und die ist nicht gerade ermutigend….

  10. Jürgen Martinschledde sagt:

    Hey Rico,
    nächste Woche habe ich frei und werde daher ein ausführliches Update schreiben. Nur soviel schon Mal vorweg: ich bin nicht optimistischer geworden. Der globale Weltwirtschaftsabschwung gewinnt zunehmend an Fahrt.
    Jürgen

  11. Jürgen Martinschledde sagt:

    Tut mir leid, dass das mit dem Posting so lange gedauert hat. Dieses Wochenende gibt es ein Update. Versprochen.
    Schöne Grüße
    Jürgen

  12. Alexandra sagt:

    Hallo Jürgen,

    ich hoffe, dass du dein Update dieses WE postest. Denn ich bereite mich anhand deiner super leicht verständlichen Erklärung der Krise auf meine Prüfung vor. Der Eintrag vom November war sehr gut, und auch für jemanden wie mich, dem die Wirtschaft nicht so sehr liegt, sehr einfach zu verstehen. Zudem geht es ja zurzeit wirklich drunter und drüber.

    Hzl. Grüße aus Nürnberg,

    Alexandra

  13. Andreas sagt:

    Na das es mal ordentlich krachen musste war klar, das die USA auch mal lernen müssen, dass man Geld nicht essen kann war auch mal bitter nötig.

    Ich sehe in dieser Krise das Positive und hoffe, als Kaufmann und Selbständiger, dass man wie 1929 die richtigen Schlüsse daraus ableitet.

    Ich denke mal das der Kongress ab morgen wenn der DOW zusehends an Abwärtstrend gewinnt und droht ins Bodenlose zu fallen dem Rettungspaket zustimmen wird. Die Börsianer glauben ja offensichtlich das man das Schultern kann.

    Was ich als kleiner Industriekaufmann auch glaube.
    Ich denk nicht das es gleich eine Weltwirtschaftskrise gben wird, aber ich denke das die Menschen in USA nun endlich begriffen haben, dass Sie den Necons nicht vertrauen dürfen.

    Marx muss man mal lesen und dann sehen, dass der Typ gar nicht dumm war.
    Der hat mit keinem Wort geschrieben sperrt die Menschen ein alla DDR.
    Kapitalismus kann nicht funktionieren wenn Geld im Volk immer weniger ankommt.

    Mit der Kreditkrise verschärft sich nun dieser Trend.

    Immer weniger Geld im Volk bedeutet halt Rück anstatt Fortschritt.
    Einfach Klasse das die US Bürger nun endlich mal wach werden.

    Ich denke die Necons werden auf Jahrzehnte keinen Präsidenten mehr an der Macht sehen,,,,

    Zur Sache:
    Es wird eine große blutige Schramme geben der Schock wird auf Jahre tief sitzen, Banken werden wohl von nun an als nicht mehr Vertrauenswürdig auch vom Endkunden eingestuft.

    Mich wundert das unser Schweizer „Ackermann“ sich sehr bedeckt hält.
    Ob da was im Busch ist?

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